Beratung, die deine Sprache spricht.

Ein Interview mit Marleen Agaiby: Offene Sprechstunde auf Arabisch.

Magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du und wie bist du zu uns in die Beratungsstelle beziehungsweise zur Stadtmission gekommen? 

Marleen Agaiby: Ja, gerne. Ich bin Marleen Agaiby. Ich habe in Ägypten ein Diplom in Psychologie gemacht und eine Fortbildung als Psychologische Therapeutin absolviert. Mein Abschluss wurde hier in Deutschland anerkannt. Allerdings kann ich hier nicht genau in derselben Funktion ohne Approbation als Therapeutin arbeiten, sondern im Bereich der psychologischen Beratung.

Deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht, in meinem beruflichen Bereich zu arbeiten – zum Beispiel durch eine Arbeitsstelle, ein Ehrenamt oder ein Praktikum. Jemand hat mir damals von der Beratungsstelle erzählt, und ich habe Kontakt aufgenommen.

Da mein beruflicher Schwerpunkt die Psychologie ist und ich sehr gerne in diesem Bereich arbeite, habe ich vorgeschlagen, arabischsprachige Menschen hier in Rostock zu unterstützen. Ich habe recherchiert und festgestellt, dass es hier kaum muttersprachliche arabische Beratung im psychologischen Bereich gibt. Viele Angebote sind auf Deutsch, und für manche Menschen stellt die Sprache eine große Hürde dar. Auch die kulturellen Unterschiede spielen eine wichtige Rolle.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier waren sehr offen für diese Idee. Deshalb habe ich vor einigen Monaten angefangen, ehrenamtlich eine arabischsprachige Sprechstunde anzubieten.

Und wie läuft diese Sprechstunde bisher? Hast du schon viele Menschen beraten, die dieses Angebot wahrgenommen haben? 

Marleen Agaiby: Bisher noch nicht sehr viele. Im Moment bin ich jeden ersten Freitag im Monat hier. Ich besuche derzeit einen Vollzeit-Deutschkurs und habe deshalb nicht so viel Zeit.

Ich denke aber, dass sich das Angebot langsam entwickeln wird. Viele Menschen müssen zunächst überhaupt erfahren, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich informiere deshalb regelmäßig in arabischen Facebook- und WhatsApp-Gruppen darüber, dass es bei der Diakonie eine arabischsprachige Beratung gibt.

Hier bekomme ich auch positives Feedback. Viele finden es gut und wichtig, dass es hier eine Beraterin gibt, die Arabisch als Muttersprache spricht. Ich denke, es läuft langsam, aber es braucht einfach Zeit.

Mit welchen Themen oder Sorgen können die Menschen zu dir kommen? 

Marleen Agaiby: Grundsätzlich können die Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen zu mir kommen. Besonders arabische Frauen haben häufig ähnliche Herausforderungen. Das Leben hier in Deutschland kann sehr stressig sein, gerade wenn man neu im Land ist.

Wenn eine Familie kleine Kinder hat und keine Unterstützung durch die Großfamilie bekommt, wie es im Heimatland oft üblich ist, bleiben viele Mütter zunächst zu Hause und kümmern sich um die Kinder. Dadurch sind sie häufig finanziell stark vom Ehemann abhängig.

Gleichzeitig kann sich dadurch der berufliche Einstieg verzögern. Viele Frauen brauchen länger, um eine passende Arbeit zu finden oder um sich um die Anerkennung ihrer Abschlüsse aus dem Heimatland zu kümmern. Deshalb dauert es manchmal mehrere Jahre, bis sie wieder in ihrem ursprünglichen Beruf arbeiten können.

Bei arabischen Frauen gibt es auch häufig Sorgen um die eigenen Kinder. Manche haben große Angst vor Problemen mit dem Jugendamt und davor, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten. Diese Angst kann für Mütter sehr belastend sein. Deshalb brauchen manche Frauen Informationen darüber, welche Möglichkeiten sie haben und wie sie mit solchen Situationen umgehen können.

Manchmal kommen auch mehrere Frauen gemeinsam mit einem bestimmten Thema zu mir. Natürlich können die Menschen auch mit Stress, Ängsten oder depressiven Gefühlen zu mir kommen.

Wichtig ist aber: Wir bieten hier keine Psychotherapie an, sondern Beratung. Ich kann den Menschen helfen, sich zu stabilisieren, sie emotional unterstützen und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen. Wenn ich merke, dass jemand eine professionelle therapeutische oder andere spezialisierte Unterstützung braucht, sage ich das auch offen.

Dann kann ich die Person an eine geeignete Therapeutin oder einen Therapeuten beziehungsweise an eine andere Fachstelle weitervermitteln. Wir haben hier verschiedene Kontakte und können den Menschen diese Informationen mitgeben. Wenn jemand ausreichend Deutsch spricht, kann ich auch empfehlen, einen Termin in der regulären Beratungsstelle zu vereinbaren.

Das heißt, du kannst die Menschen bei Bedarf auch weitervermitteln?

Marleen Agaiby: Ja, genau. Manche Probleme sind komplex und brauchen mehr Zeit oder eine spezielle professionelle Unterstützung. Diese Möglichkeit habe ich in der offenen Sprechstunde nicht. In der regulären Beratungsstelle können die Menschen aber über einen längeren Zeitraum begleitet werden.

Das Problem ist allerdings, dass Menschen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen, diese Angebote oft nicht nutzen können. Die Sprache kann eine große Barriere sein. Deshalb ist es wichtig, dass es auch Beratung in der Muttersprache gibt.

Warum ist die eigene Muttersprache deiner Meinung nach so wichtig, um über persönliche Probleme und Gefühle zu sprechen? Die Menschen könnten ja auch versuchen, sich mit ihren Deutschkenntnissen auszudrücken.

Marleen Agaiby: Viele Menschen sagen mir, dass sie ihre Gefühle und Probleme in ihrer Muttersprache viel besser ausdrücken und erklären können. In einer fremden Sprache ist das schwieriger.

Ich merke selbst, dass unsere Gefühle sehr stark mit unserer Muttersprache verbunden sind. Wenn man über Gefühle in einer fremden Sprache spricht, fühlt es sich manchmal so an, als würde man über jemand anderen sprechen und nicht über sich selbst. Man kann die eigenen Gefühle dann nicht genauso intensiv ausdrücken.

Für eine psychologische Beratung ist die Muttersprache deshalb sehr wichtig. Es ist einfacher, wenn jemand seine Gedanken und Gefühle in der Sprache ausdrücken kann, in der er sich wirklich zu Hause fühlt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kultur. Unsere kulturellen Erfahrungen unterscheiden sich teilweise sehr stark. Ich gebe gerne ein kleines Beispiel: In Ägypten ist es für Frauen meiner Generation nicht selbstverständlich, Fahrrad zu fahren. Das war in unserer Kultur lange Zeit nicht üblich und wurde teilweise sogar als unangemessen angesehen. In Deutschland ist Fahrradfahren dagegen etwas ganz Normales und im Alltag sehr wichtig. Für jemanden, der mit einer anderen kulturellen Vorstellung aufgewachsen ist, kann das zunächst schwer zu verstehen sein. Wenn man aber die kulturellen Hintergründe kennt, kann man solche Schwierigkeiten besser nachvollziehen.

Deshalb sind nicht nur die Sprache, sondern auch die kulturellen Erfahrungen für eine gute Beratung sehr wichtig.

Wir stellen dich im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit vor. Welche Bedeutung hat seelische Gesundheit deiner Meinung nach – nicht nur für arabischsprachige Menschen, sondern für alle Menschen? 

Marleen Agaiby: Ich glaube, dass seelische Gesundheit die Energie für unser ganzes Leben ist. Wenn es unserer Psyche gut geht und wir innerlich stabil sind, haben wir die Energie, viele Dinge in unserem Leben zu bewältigen.

Wenn wir psychische Probleme haben, beeinflusst das dagegen viele andere Bereiche unseres Lebens. Wir können Schwierigkeiten bei der Arbeit, in der Familie oder im Alltag bekommen. Deshalb ist psychische Gesundheit für alle Menschen sehr wichtig.

Gerade für Menschen mit Migrationserfahrung gibt es viele zusätzliche Belastungen. Ich bin selbst noch nicht sehr lange in Deutschland – weniger als drei Jahre – und merke, wie viele Herausforderungen damit verbunden sind. Ich muss Deutsch lernen, meinen Führerschein machen, Kontakte knüpfen und versuchen, einen Arbeitsplatz zu finden. All diese Dinge können Stress verursachen.

Migration bringt für viele Menschen viele Veränderungen und Unsicherheiten mit sich. Deshalb ist es besonders wichtig, auf die eigene seelische Gesundheit zu achten.

Für mich ist seelische Gesundheit wie der Motor unseres Lebens. Wenn dieser Motor gut funktioniert, können wir auch unser Leben besser bewältigen. 

Vielen Dank, Marleen, für das Gespräch und vor allem dafür, dass du mit deinem Engagement dazu beiträgst, dass auch arabischsprachige Menschen hier eine niedrigschwellige Möglichkeit bekommen, über ihre Sorgen und Belastungen zu sprechen und Unterstützung zu finden.

 

Die offene Sprechstunde findet jeden Freitag, von 14 bis 16 Uhr in der Bergstraße 10, 18057 Rostock, statt.

Herzlichen Dank, dass Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende möglich machen!

Spendenkonto Rostocker Stadtmission – IBAN DE71 3702 0500 0003 8806 00 - Sozialbank

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